1. Es ist kaum zu u¨bersehen, dass der Chor von vielen Dramatikern des 20. Jh.s bei ihrer Suche nach neuen Theaterkunstformen wieder auf die Theaterbuhne geholt wurde. In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, welche Rolle der Chor in B...
1. Es ist kaum zu u¨bersehen, dass der Chor von vielen Dramatikern des 20. Jh.s bei ihrer Suche nach neuen Theaterkunstformen wieder auf die Theaterbuhne geholt wurde. In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, welche Rolle der Chor in Brechts Lehrstucken und in seinem episches Theater spielt. Verschiedene Formen und Rollen von Cho¨ren in der abendla¨ndischen Theatergeschichte werden als Vergleichsmodell herangezogen. Zudem wird der Chor bei Brecht mit dem Chor im japanischen Noh-Theater verglichen. Durch diese Vergleiche wird die Bedeutung des Chors in Brechts Stucken von verschiedenen Seiten betrachtet.
2. Der Begriff des ‘Epischen’ beim Drama bedeutet eigentlich Bu¨hnenanweisungen und Kommentare des Dramatikers zu seinen Werken. Jedoch gehen direkte Kommentare des Autors im Verlauf des U¨bergangs vom Text zur Bu¨hnenarbeit verloren. Bei manchen Dramatikern wie Schiller hat dies Subjektivita¨tsprobleme des Autors gerufen. Die Einfu¨hrung eines Erza¨hlers auf die Buhne ist eine Mo¨glichkeit, dieses Problem zu u¨berwinden. Das Epische in Brechts epischem Theater besteht vor allem in der Einfu¨hrung des Erza¨hlers, durch den die Bu¨hne eine auktoriale Perspektive erhalten kann und die Prozesse des Theatermachens bloßgelegt werden.
Zuschauern wird damit die objektive Distanz mitgeteilt. Der Chor sei, nach Bernhard Asmuths Erkla¨rung, dem Erza¨hler angemessen, weil “er nicht seinem eigenen Interesse folgt.” Brecht sah im Chor die Mo¨glichkeit von der ‘Freiheit der Kalkulation’. In diesem Sinne kann man sagen, der Gebrauch des Chors Brechts ein wichtiges Element fur ‘Episierung’ ist.
3. Aus der Geschichte des abendla¨ndischen Theaters sind drei hauptsa¨chliche Formen von Cho¨ren nennenswert; 1) eine Gruppe von allgemeinen Leuten wie ‘Die Alten’ bei Sophokles'『Antigone』 2) eine Person, die die Rolle des alten griechischen Chors in verkleinerter Form ubernimmt. Dies sind ‘choral characters’ wie John Gower in Shakespeares 『Pericles』3) ein personalisiertes abstraktes Substantiv wie die ‘Barmherzigkeit’ in den mittelalterlichen Religionsspielen oder wie die ‘Revanche’ im Elisabethanischen Theater. Bei den obengenannten Formen ist auffa¨llig, dass sie auf keinen Fall eine ausgepra¨gte Individualita¨t bzw. Perso¨nlichkeit beinhalten. Sie sind Figuren ohne Individualita¨t sowie ‘neutralisierte Figuren’. Das heißt, der Chor kann zu jede beliebigen Person umgewandelt werden. Gerade aus diesem Grund kann der Chor die Meinungen der Autoren oder allgemeingu¨ltige Anschauungen vertreten und abstrahierende Kollektive wie z.B. den Staat symbolisieren. Das trifft besonders auf Brechts Lehrstu¨cke zu.
4.
4.1. Der Chor im alten griechischen Drama reflektiert soziale Prinzipien und die Treue zu den Go¨ttern. Was vom Chor gesungen und geschildert wird, vertra¨gt sich mit den Interessen der Allgemeinheit. Anstelle der Individualita¨t ist die Kollektivita¨t dominierend. Der Chor bei Brecht stellt auch Kollektive dar, so zum Beispiel symbolisiert ‘Der große Chor’ in 『Der Jasager』·『Der Neinsager』 die konventionelle Gesellschaft, wo ‘der Wurf ins Tal(Taniko)’ noch gilt. In 『Maßnahme』 verko¨rpert der Kontrollchor ebenfalls ein Kollektiv, na¨mlich die Partei. Durch die Lieder, die die Unanfechtbarkeit der Partei unterstreichen, verbindet er das Geschehene und das Dargestellte mit der Ebene der Partei an. Ausserdem bringen die Lieder und Tanze des Chores die in alten griechischen Trago¨dien symbolisierten Vorstellungen von Schlachten oder metaphorischen Tieren zum Ausdruck. Diese Rolle kommt bei Brecht als Gestus vorkommen, der soziale menschliche Beziehungen symbolisiert.
4.2. In Brechts spateren Arbeiten kommt der Chor als individualisierte Form des ‘choral character’ vor. So la¨sst sich der Sa¨nger aus『Der kaukasische Kreidekreis』 mit dem John Gower aus『Pericles』 vergleichen. Die beiden kennen sich mit ihren Erza¨hlungen vom Anfang bis zum Ende aus und sie reißen einige Szenen aus dem ganzen Kontinuum heraus und verbinden solche Szenen mit einer epischen Kommentierung. Der Sa¨nger weist sogar Schauspielern einige Aktionen an. Die beiden ko¨nnen deswegen als ‘Regiefiguren’ klassifiziert werden. Hier sind die beiden auch ‘neutralisierte Figuren’ , weil John Gower eine Art von Gespenst ist und der Sa¨nger mit dem Beruf stilisiert bzw. verallgemeinert ist.
4.3. Der Chor im japanischen Noh-Theater oder ‘Ziutai’ ist ein noch extremes Beispiel einer neutralisiertern Figur, weil er niemals als eine Figurenrolle an der Erzahlung teilnimmt, sondern immer als Stimme. Brecht hat in einigen seiner Lehrstu¨cke neue Techniken eingefu¨hrt, basierend auf dem Noh-Theater. In der Sprache von Brechts Chor kommen ha¨ufig stilisierte sowie formalisierte Sa¨tze wie “Er sagte” oder “Da sagten die Mutter und der Lehrer” vor. Diese Sa¨tze stehen eher den Regieanweisungen nahe und mit ihrer Einfu¨hrung werden im Stu¨ck die epische Ebene und die darstellende Ebene miteinander vermischt. Die Einmischung der epischen Ebene in die darstellende Ebene kontrolliert den Aufbau der Spannung. Das stimmt besonders gut bei 『Die Maßnahme』und『Die Mutter』, wo es um die Themen Tod und Aufstand geht, welche die Szene spannend machen.
4.4. Noch eine wichtige Eigentu¨mlichkeit der Cho¨re bei Brecht kann man begreifen aus den Unterschieden zwischen Brechts Cho¨ren und denen der griechischen Trago¨die, zwischen den Choren bei Shakespeare und beim Ziutai herausfinden. Wa¨hrend die Musik der Cho¨re bei den letzteren dem Aufbau der dramatischen Spannung dient, dient die Musik der Cho¨re bei Brecht “der Auslegung der Fabel und ihrer Vermittlung durch geeignete Verfremdungen.” Die Cho¨re bei den letzteren haben als Zweck im wesentlichen fu¨r die Assimilation der Stu¨cke. Die Cho¨re bei Brecht sollen dagegen der “Verfremdung” des Stu¨ckes dienen.