Der orpheus-Mythos wird uns als ein schones Beispiel fur die Dichtung und ihre Todesvertrautheit dargebuten. Fur Rilke ist der Orpheus-Mythos eim Medium, durch welches sein Wunsch als Dichter, das Wesen der Dichtung auszulegen und seine auffassung u...
Der orpheus-Mythos wird uns als ein schones Beispiel fur die Dichtung und ihre Todesvertrautheit dargebuten. Fur Rilke ist der Orpheus-Mythos eim Medium, durch welches sein Wunsch als Dichter, das Wesen der Dichtung auszulegen und seine auffassung uber die Einheit von Leben und Tod darzustellen, ganzlich erfullt wird.
Die 「Neuen Gedichte」, 1907 erschienen, enthalten ein Gedicht unter dem Titel 「Orpheus. Eurydike. Hermes」(1904). In dem Gedicht finden wir Rilkes Umdeutung der antiken Sage; in seiner Umdeutung zeigen sich einerseits die Todesanschauung als Wurzel des Lebens oder das unzerstorbare Leben selbst, andererseits aber die menschliche Unfahigkeit, die wirkliche Natur des Todes wahrzunehmen. Das erste vertritt Eurydikes Gestorbensein, das andere Orpheus. Fur die Todesdeutung Rilkes ist Orpheus hier "ein zweifach Versagender, dem Tode gegenuber und darum auch in der Liebe". Eurydike aber ist das ganze Gegenteil. Die antike Sage schreibt der Liebe Orpheus' die Verantwortung fur den zweiten Verlust zu, und hier funktioniert gewissermaβen die sognannte Widerspruchlichkeit zwischen Liebe und Kunst, daβ der zweite Verlust eine notwendige Losung ist, um die Produktivitat der orphischen Kunst zu steigern. Aber es geht in Rilkes Umdeutung nicht um die Widerspruchlichkeit, eher um die wahre Todesanschauung, die sich wiederum auf das wahre Verstandnis des Lebens und damit auf die Liebe bezieht. Dem Orpheus, der hier in dem Gedicht als Versagender bleibt, wird die rchtige Wahrnehmung des Todes erst in den 「Sonetten an Orpheus」 gewahrleistet. Dieser Orpheus aber ist nicht mehr Mensch, sondern ein Gott.