In der vorliegenden Arbeit wird das Motiv der Verwandlung im Drama Kafka Kaikoku von Yoko Tawada im Zusammenhang mit dem Konzept des Zwischenraums analysiert. Tawada hat sich in zahlreichen Werken mit den Themen Grenze und Fluidität auseinandergese...
In der vorliegenden Arbeit wird das Motiv der Verwandlung im Drama Kafka Kaikoku von Yoko Tawada im Zusammenhang mit dem Konzept des Zwischenraums analysiert. Tawada hat sich in zahlreichen Werken mit den Themen Grenze und Fluidität auseinandergesetzt. Auch in Kafka Kaikoku nehmen diese Themen eine zentrale Stellung ein. Die im gesamten Werk wiederholt auftretenden Zwischenräume unterlaufen die Grenzen binärer Unterscheidungen und lösen die Identitätskohärenz der Figuren auf. Durch die Verwandlungen der Figuren, die sich in den Zwischenräumen zwischen Mensch und Tier, Asien und Europa sowie Mann und Frau vollziehen, zeigt Kafka Kaikoku die positiven Implikationen einer Befreiung von einer einheitlichen Identität auf.
Die Zwischenräume in Kafka Kaikoku werden auf zwei grundlegende Weisen konstituiert. Zum einen entwirft Tawada Japan im 19. Jahrhundert als einen Raum, in dem interkulturelle Hybridität zwischen Ost und West entsteht. Japan wird gemeinhin als ein Land verstanden, das erst in der Meiji-Zeit seine Abschottungspolitik aufgab und eine umfassende Modernisierung einleitete. Auf der Grundlage von Tawadas poetologischen Vorträgen wird jedoch hier darauf hingewiesen, dass Japan bereits lange zuvor ein Zwischenraum war, in dem sich östliche und westliche Kulturen vermischten und miteinander interagierten. Aus dieser Perspektive lassen sich die Verwandlungen der Figuren als Ausdruck interkultureller Hybridität interpretieren. Darüber hinaus gestaltet Tawada die Figuren und die Handlung von Kafka Kaikoku aus intertextuellen Bezügen, wobei Izumi Kyōkas Der Mönch vom Berg Kōya und Franz Kafkas Die Verwandlung als zentrale Prätexte fungieren. Die Wasserschlange aus Der Mönch vom Berg Kōya sowie Izumi, der Autor dieses Werkes, treten in Kafka Kaikoku als zentrale Figuren auf; durch die engen und komplexen Verknüpfungen mit diesen Figuren durchläuft Gregor aus Die Verwandlung mehrmals Metamorphosen und gewinnt eine neue Bedeutung.
Im Zwischenraum zwischen Ost und West erwacht Izumi aus dem Schlaf, nachdem er sich in einen Europäer verwandelt hat, und erfährt anschließend eine Abfolge von Verwandlungen, darunter das Ungeziefer-Werden und das Bunraku-Puppen-Werden. Da Izumi im Werk als eine Figur dargestellt wird, die sich nicht an die rasante Modernisierung Japans anpassen kann, ließe sich sein Ungeziefer-Werden als Folge einer Fehlanpassung interpretieren. Letztlich eröffnet Kafka Kaikoku jedoch die Möglichkeit, das hybride Wesen positiv zu bewerten, welches die Forderung nach eindeutigen Grenzen und Reinheit erschüttert. Diese Arbeit hebt insbesondere hervor, dass das deutsche Wort Ungeziefer etymologisch ein „für ein Opfer ungeeignetes, unreines Tier“ bezeichnet, und zeigt damit, dass Izumis Ungeziefer-Werden nicht als bloße Degradierung zum Insekt zu verstehen ist. Darüber hinaus verwandelt sich Izumi durch die Einnahme einer Pille, die ihm ein aus dem Westen stammender Landarzt verabreicht, in eine Bunraku-Puppe. Man kann Izumis Verwandlung zur Marionette als ein Symbol für die Unterjochung Japans durch die westlichen Mächte verstehen. Berücksichtigt man jedoch den schamanischen Charakter des Landarztes sowie den rituellen Kontext der Bunraku-Puppe, erweist sich das Puppen-Werden als ein Moment, das die Begegnung mit dem „Anderen als Toten“ ermöglicht und Izumi von einer einheitlichen Identität befreit. In dem phantastischen Raum des Bettes fungiert der Landarzt als Schamane, der Izumi in eine weibliche Bunraku-Puppe verwandelt und ihn zu einer pluralen und hybriden Identität hinführt. Wie Tawada in ihrer Dissertation hervorgehoben hat, ist der literarische Text ein magischer Raum, der die von der Moderne ausgeschlossenen „Anderen als Tote“ heraufbeschwört. In diesem Kontext wird Kafka Kaikoku durch Izumis Bunraku-Puppen-Werden zu einem Text, der das durch die westliche Modernisierung unterdrückte und vergessene vormoderne Japan als Anderes heraufbeschwört.
Auch Gregor folgt einem anderen Pfad der Verwandlung als im Originaltext Kafkas. In Kafka Kaikoku erfährt Gregor innerhalb der Struktur des Bunraku-Puppenspiels ein Anderes-Werden hin zu Izumi. Indem Tawada die für das Bunraku charakteristische Trennung von Stimme und Körper nutzt, gestaltet sie Kafka Kaikoku als einen Raum, in dem die vom logoszentrierten Denken der Moderne unterdrückten Wünsche des Anderen sichtbar werden. In der Szene, in der Izumi und Gregor gemeinsam zischende Laute wiederholen und eine intensive Verwandlung zum Insekt erfahren, tritt die Materialität und Sinnlichkeit der Sprache deutlich hervor. In Tawadas Werk erscheinen häufig Wortspiele, die auf den lautlichen Effekten der deutschen und japanischen Sprache beruhen; auch in diesem Werk macht diese Erzählstrategie die enge Verbindung zwischen Izumi, Gregor und der Wasserschlange sichtbar. Die Wasserschlange fungiert in Kafka Kaikoku als zentrales Agens, das die Verwandlungen der Figuren vorantreibt, und steht als Symbol für Fluidität und Grenzauflösung. Tawada verknüpft das Ungeziefer-Werden von Izumi und Gregor zudem mit einem Schlangen-Werden und verstärkt damit die Hybridisierung der Identitäten. Vermittelt durch eine Kette von Doppelgängerbeziehungen verwandelt sich Gregor im Zwischenraum zwischen Selbst und Anderem schließlich in ein Ungeziefer, das die Stellung des Opfers aktiv „verweigert“, und begegnet dem Tod. Oberflächlich betrachtet erinnert dieses Ende an das tragische Schicksal des homo sacer, doch Tawada interpretiert Gregors Tod durch eine kritische Aneignung von Puccinis Oper Madama Butterfly und Brechts Drama Die Judith von Shimoda neu. Als fluide „Wasserexistenz“, die im Zwischenraum immer wieder Verwandlungen vollzieht, vollendet Gregor durch den Tod ein Izumi-Werden und unterläuft damit die Ideologie der Reinheit sowie die normative Ordnung der Moderne.