Die vorliegende Studie untersucht die morphologische Struktur, die semantischen Relationen und die diskursiven Funktionen deutscher Nominalkomposita im digitalen Diskurs und entwickelt darauf aufbauend ein didaktisches Modell für den universitären D...
Die vorliegende Studie untersucht die morphologische Struktur, die semantischen Relationen und die diskursiven Funktionen deutscher Nominalkomposita im digitalen Diskurs und entwickelt darauf aufbauend ein didaktisches Modell für den universitären Deutschunterricht. Als Analysematerial dienen 341 Nominalkomposita, die aus etwa 6.000 Kommentaren extrahiert wurden, die zwischen Januar und April 2024 auf dem YouTube-Kanal ZDFheute Nachrichten veröffentlicht wurden.
Die Untersuchung gliedert sich in drei Schritte: Erstens werden die semantischen Relationen zwischen den Kompositionsgliedern nach dem Klassifikationssystem von Fleischer & Barz (2012) und Schlücker (2012) in zwölf Typen analysiert: Ort, Zeit, Zweck, Ursache, Vergleich, Besitz, Teil, Instrument, Material, Konstitution, Graduierung und Explikation. Zweitens wird unter Anwendung des Konzepts der sozialen Indexikalität nach Silverstein (2003) untersucht, wie Komposita von der primären Indexikalität in Nachrichtenberichten zur sekundären Indexikalität in Kommentardiskursen transformiert werden. Diese Analyse erfolgt anhand von sieben Diskurstypen: Krieg und Militär, Umwelt und Klima, Politik und Regierung, Wirtschaft, Internationale Zusammenarbeit und Diplomatie, Gesellschaft und Kultur sowie Recht und Sicherheit. Drittens wird auf Grundlage der Analyseergebnisse ein Unterrichtsmodell für den universitären Wortschatzunterricht entwickelt, das die Prinzipien des datengestützten Lernens (DDL) und des projektbasierten Lernens (PBL) verbindet.
Die Analyseergebnisse zeigen, dass Komposita im digitalen Diskurs nicht nur als Wortbildungseinheiten fungieren, sondern als diskursive Ausdrücke, in denen soziale Bewertungen und kollektive Wahrnehmungen verdichtet sind. Komposita wie Klimakleber und Kriegstreiber erfüllen in Nachrichtenberichten primär die Funktion, Ereignisse oder Institutionen zu bezeichnen, während sie in Kommentardiskursen eine sekundäre soziale Indexikalität entwickeln, die Haltungen wie Kritik, Satire oder Zynismus ausdrückt. Dieser Bedeutungswandel verdeutlicht, dass die Bedeutung von Komposita nicht durch ihre morphologische Struktur fixiert ist, sondern je nach Diskurskontext rekonstruiert wird.
Die Bedeutung dieser Studie liegt darin, dass sie die Möglichkeit aufzeigt, digitale Diskursdaten als Analyseobjekt in den fremdsprachlichen Wortschatzunterricht zu integrieren. Eine Einschränkung besteht jedoch darin, dass es sich um einen theoretischen Entwurf handelt, der noch nicht durch praktische Unterrichtserprobung empirisch validiert wurde. Für die Zukunft sind eine Erweiterung der Datengrundlage auf verschiedene Plattformen, Längsschnittstudien sowie vergleichende sprachwissenschaftliche Untersuchungen erforderlich.